Chancengleichheit an der Uni Freiburg muss besser und institutionell durchgeführt werden

Studieren mit einer Behinderung bringt so oder so Herausforderungen mit sich, hier sollte die Universität den Studierenden entgegenkommen – und sie will auch, aber wie ändert sich wirklich was?

von Isabelle Gross

 

Ein Körper mit Behinderung – so was gibt es nicht selten, auch wenn die Öffentlichkeit gerne so tut. Und vor allem gibt es diese Situation in allen möglichen Variationen. Aber was bedeutet das genau? Und können Menschen ohne Behinderung sich das wirklich vorstellen? Es schwingt schließlich mehr mit, als nur eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit zu haben. Unsere Körper sind die Schnittstelle bei der wir in der Realität auf andere Menschen, Gegenstände und Umstände treffen, hier wird es schnell ganz eindeutig für wen Räume konzipiert sind. Es ist endlich an der Zeit allen Menschengruppen zuzuhören, die öffentliche Räume nutzen und auch nutzen können sollen. Dieser Artikel spricht die Situation von Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen an der Uni Freiburg an, jedoch enden viele dieser Themen bei einer grundlegenderen Frage. Inwiefern bietet die Freiburger Universität Studierenden ein unterstützendes Umfeld?

Auch wenn unser Körper uns grundlegend mit unserer Realität und der materiellen Umgebung verbindet, ist spätestens seit Matrix bekannt, dass wir intellektuell noch so viel mehr machen können. Noch ist es nicht so weit, als dass wir uns nur noch in virtuellen Welten aufhalten – und ob das so eine gute Idee ist, ist seinen ganz eigenen Artikel wert – aber nur weil jemand physisch eingeschränkt ist, sei es durch eine Deformierung, einen beeinträchtigten Sinn oder auch einen anderen Hormon- oder Enzymhaushalt, heißt das noch lange nicht, dass dieses Individuum nicht studieren kann. Immer wieder hört man inspirierende Geschichten von Menschen, welche entgegen aller Erwartungen Einschränkungen überkommen haben, doch es geht hier nicht um Einzelfälle oder Errungenschaften, denn letztendlich wollen Menschen mit einer Behinderung an unserer Gesellschaft teilnehmen. Auch Freiburgs Beauftragte für die Anliegen von Studierenden mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen, Frau Massell, mit der ich mich unterhalten habe, sagt es sei ein unglaublicher Wille bei allen, die sie kontaktieren, vorhanden – was die Umstände weswegen sie kontaktiert wird nur frustrierender machen. Studieren mit Behinderung und chronischen Erkrankungen soll chancengleich möglich sein. Nicht nur Humanität, Empathie und der Inklusionsgedanke sprechen dafür, sondern auch mehrere Gesetzeslagen (z.B. Deutsches Grundgesetz, UN-Behindertenrechtskonvention etc.) und universitäre Regelungen (Landeshochschulgesetz BW, Prüfungsordnungen). In der Westdeutschen Rektorenkonferenz von 1968 wurde bereits die Stelle als Behindertenbeauftragte*r ausgebaut und schließt seither nicht nur die Unterstützung und Beratung von Studierenden mit Behinderungen, sondern auch den Ausbau strukturierender Maßnahmen im Hochschulalltag mit ein.

Alle Studierende sollen die Möglichkeit haben chancengleich an der Universität Freiburg einen Abschluss zu erreichen, doch wen betrifft das genau? Laut der 21. Sozialerhebung (Stand: 2016) des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Deutschen Studentenwerk [sic], sind 11% der Studierendenschaft von einer Behinderung oder chronischen Krankheit betroffen. Das sind 4% mehr als bei der Erhebung im Jahr 2012. 6% dieser Studierenden geben an, durch ihre Behinderung im Studienalltag und beim chancengleichen Ablegen von Leistungen stark eingeschränkt zu sein.

Wenn sich Menschen ohne eine Behinderung überlegen, wie diese Fälle denn aussehen, werden selten unsichtbare Behinderungen miteinbezogen. Den meisten fällt dabei eine offensichtliche physische Beeinträchtigung ein: ein*e Studierende*r mit Rollstuhl, Studierende mit eingeschränktem oder nicht vorhandenem Sehvermögen oder auch Studierende mit Fehlbildungen an zum Beispiel ihren Händen, was das Mitschreiben und Anfertigen von Hausarbeiten beeinträchtigen würde. Doch das stellt nur einen Bruchteil der 264 000 Studierenden mit Behinderung oder chronischen Krankheiten in Deutschland dar. Der größere Teil der Studierenden mit Behinderung nennt psychische Krankheiten (47%) als Einschränkung, gefolgt von chronisch-somatischen Erkrankungen (18%). Eine aktive Mobilitätsbeeinträchtigung ist nur bei 4% der Studierenden der Fall.

Grundlegend sind unsichtbare Behinderungen – welche auch physisch, aber nicht ‚offensichtlich‘ sein können – in vielen Kontexten benachteiligt. Schon im normalen Alltag sind Menschen, die davon betroffen sind, mit vielen Anzweiflungen konfrontiert. Im Hochschulalltag, und vor allem im Kontext eines Nachteilsausgleichs, sind diese Hürden aufgrund des Leistungsdrucks und der Unterstellung, der*die Studierende würde sich Leistungen ‚ermogeln‘, noch wesentlich präsenter. Christoph Piesbergen, Beauftragter für die Belange behinderter und chronisch kranker Studierender der Ludwig-Maximilian-Universität in München, erzählt in diesem Zusammenhang folgendes auf der Website MyHandycap.de: „Jeder Nachteilsausgleich ist auf die persönliche Situation abgestimmt und wird individuell mit jedem Studenten [sic] vereinbart. Mitstudenten [sic] verstehen diesen Nachteilsausgleich leider oft als Bevorzugung. Dies ist nicht der Fall. Studenten [sic] mit Behinderung müssen genau die gleichen Leistungen erbringen wie Studenten [sic] ohne Behinderung.“

Wichtig zum Verstehen der Situation ist, dass sich nur die Umstände ändern. Bei einem Nachteilsausgleich geht es primär um längere Bearbeitungszeit für Studierende, die mehr Zeit zum Lesen oder Schreiben benötigen, eine terminliche Änderung, um die Arbeitsbelastung gleichmäßiger zu verteilen oder einen Raumwechsel, der es dem*der Studierenden ermöglicht, chancengleich die Leistungen abzulegen und den Prüfungsraum zu betreten – nicht um Bevorzugung. Studierenden wird vorgeworfen, sie würden absichtlich irreführen, um ungerechtfertigte Vorteile für sich herauszuschlagen, doch die Uni gibt ihnen in realen Situationen manchmal gar keine andere Wahl, als alternative Lösungen zu suchen. Ein*e Studierende*r, welche*r kurzfristig einen Prüfungsrücktritt beantragen möchte, da aufgrund der Behinderung das Ablegen der Prüfung nicht machbar ist, wird geraten, doch einfach durch den Erstversuch durchzufallen und den Nachschreibetermin wahrzunehmen, weil es nun zu spät sei. Machen doch andere Studierende auch, wenn die ‚keinen Bock haben‘ oder es gerade nicht passt? Bei diesem Ratschlag darf der*die Studierende beim zweiten Prüfungstermin dann einfach nicht durchfallen – egal unter welchen Umständen. Ebenso wurde mir folgende Situation geschildert: von vornherein wollte der*die Studierende*r Prüfungen aufsplitten, für eine aufgelockerte Arbeitsbelastung. Als Antwort vom Prüfungsamt wurde zurückgefragt, wie man das denn bereits drei Monate (die nötige Frist, um Nachteilsausgleiche zu beantragen) im Voraus schon wissen würde.

Auch wenn es sich nach Nuancen und Einzelfällen anhören mag, ist es eine konstante ermüdende Realität vieler Studierender. Täuschungsversuche sind an Universitäten leider keine Seltenheit, sie spielen in diesem Kontext jedoch nur teilweise eine Rolle. Vielmehr geht es darum, dass eine flexible und transparente Universitätsstruktur und dementsprechende Prüfungsordnungen es Studierenden und Dozierenden ermöglichen sollten, auf einzelne Anliegen einzugehen. Grundlegend bezieht sich dies noch nicht mal nur auf Studierende mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten, sondern auch auf Studierende mit familiären Verpflichtungen, Studierende mit unerwarteten Todesfällen in der Familie oder ähnlichen Situationen, in denen der*die Studierende bisher die Aufgabe hat, sich zu verbiegen, um weiterhin am System Gesellschaft/Universität teilzuhaben. Christine Fromme vom Deutschen Studentenwerk [sic] sagt dazu auf MyHandycap.de: „Es geht nicht mehr um die Frage, ob ein Studium mit Behinderung machbar ist. Sondern darum, wie die individuell notwendigen Unterstützungen und Nachteilsausgleiche ausgestaltet werden müssen, um chancengleich studieren zu können.“

Doch wie sieht Chancengleichheit denn eigentlich aus – und wie wird sie erreicht?  Chancengleichheit heißt nicht, jeder bekommt 20 Minuten länger zum Schreiben, sondern bezieht sich auf den Fakt, dass von vornherein unsere Umwelt so strukturiert ist, dass nur ein gewisser Teil der Bevölkerung ohne Anpassungen erfolgreich sein kann. Als Sozialstaat sind wir so weit um zu sagen, dass das so nicht bestehen bleiben darf. Studierende, die durch eine Behinderung in ihrer Leistung eingeschränkt sind, soll man einen Ausgleich in genau diesen betroffenen Aspekten bieten können. Neben dem Anstreben einer barrierefreien Universität, was eine adäquate bauliche Gestaltung, aber auch z.B. barrierefreie Websites, das Berücksichtigen von Seh- und Gehörunterschieden und vielen weiteren Faktoren einschließt, ist vor allem der Nachteilsausgleich das meist genutzte Mittel. Die Uni ist an vielen Stellen bemüht, dies durchzusetzen. Einen Nachteilsausgleich kann man beantragen, mit Dozierenden kann man reden und mehr und mehr wird versucht, physische Barrieren abzubauen – jedoch leider manchmal vergeblich, was man anhand der Probleme mit der UB nur zu gut sehen kann. Die Türen sind immer noch ein Problem, die Absperrung unter den Treppenaufgängen ist mittelmäßig gelöst und grundlegend beim Betreten des Gebäudes fällt auf, dass beim Planen Teilaspekte übersehen wurden. Am offensichtlichsten fand ich zum Beispiel, dass ein Arbeitsplatz für Studierende im Rollstuhl nicht nur so ausgeschrieben und vorhanden sein sollten, was die UB hat, sondern, dass jene vor allem höhenverstellbar sein sollten, da Rollstühle je nach Körpergröße und Grad der Behinderung unterschieldich hoch sind.

Die Behindertenbeauftragte der Universität, Frau Massell, ist an vielen Stellen bestrebt, Verbesserungen durchzusetzen – jedoch ist das mit ihrer 50%-Stelle nur erschwert möglich. Sie ist Kontaktperson für Studierende, Dozierende und weitere Mitarbeiter der Universität, sowie für bauliche und strukturierende Anliegen und initiiert Gruppentreffen, Handreichungen und Veranstaltungen. Die Empfehlungen der Hochschulrektorenkonferenz 1968 legte damals leider weder im Landeshochschulgesetz, noch die Uni selber in ihrer Grundordnung, einen Prozentsatz für die Stelle fest. Jedoch schließt ersteres mit folgendem Satz ab: „Angesichts der umfangreichen und komplexen Aufgaben des Behindertenbeauftragten wird es notwendig sein, jedenfalls bei größeren Hochschulen auch zusätzliche Stellen und Sachmittel für eine hauptamtliche Wahrnehmung der Funktion des Behindertenbeauftragten bereitzustellen und dies auch bei der Aufstellung der Landeshaushalte zu berücksichtigen.“ Das Argument der finanziellen Schwierigkeiten wird auch hier laut. Dass dies eine Herausforderung ist, will dieser Artikel gar nicht anprangern, jedoch scheint es auch primär ein Problem der Prioritätensetzung zu sein. Frau Massell hat zum Ziel, unterschiedliche Leitfäden zu verschiedenen Behinderungsformen für Dozierende und Studierende zu verfassen, doch das steht noch aus. Warum genau dies jedoch so essentiell ist wird deutlich, wenn man die Erfahrungen einer Studierenden aus Freiburg mit ihren Erfahrungen während ihres Auslandsaufenthalts vergleicht. Ich habe mich mit Anna S. (Name geändert) getroffen und mal gefragt, wie sie ihren Uni-Alltag wahrnimmt und wollte einfach mal zuhören – mein Motto dabei war „ich kann nicht wissen, was ich nicht weiß.“

Was viele letztendlich unterschätzen, ist das Stigma und die Verinnerlichung dessen, welche Menschen mit Behinderung nur zu gut kennen.

Anna S. erzählte mir, wie sie hier in Freiburg primär frustriert ist. Es gibt zwar eine Infrastruktur, die auch weiter ausgebaut wird, jedoch ist das letztendliche Informationsangebot recht schwammig. Sie selbst hat gefühlt unendliche Diskussionen und Email-Konversationen gehabt, in denen sie um einen Nachteilsausgleich kämpfen musste. Die Homepage der Behindertenbeauftragten informiert zwar über vielfältige Möglichkeiten, bei denen man sich Hilfe und Informationen holen kann, und auch ein Merkblatt zum Nachteilsausgleich ist vorhanden. Doch darin steht, dass „die fachliche Anforderungen der Studien- oder Prüfungsleistung“ nicht verändert werden darf. Sowie, dass „das Vorliegen der Voraussetzungen für den Nachteilsausgleich“ darzulegen ist, gekoppelt natürlich mit einem ärztlichen Attest, das die „nötigen medizinischen Befundtatsachen enthält“ und darlegt, in „welchem Umfang sich die Beeinträchtigung auf die Erbringung der Leistung auswirkt“. All dies klingt recht plausibel, aber wenn Studierende diesen Antrag stellen sollen, fragen sich trotzdem viele, wie genau das jetzt gemeint war – und sowas wie ärztliche Schweigepflicht gibt es doch auch, oder? Ein Ansatzpunkt, der bereits bei herkömmlichen Attesten hier in Freiburg kritisiert wird. Zusätzlich sind genaue Formulierungen anscheinend wichtig, doch welche müssen enthalten sein, damit dieser Antrag überhaupt durchgeht? Dass man damit zu Frau Mamsell kommen kann, steht außer Frage, und auch das Prüfungsamt selbst zieht die Behindertenbeauftragte beratend zur Seite, doch letztendlich sind beide dieser Anlaufstellen bereits mehr wie ausgelastet. Hinzu kommt, dass diese Handlungsmöglichkeit als Ausnahme gesehen wird, also quasi ein Antrag ist, für den im alltäglichen Arbeitsablauf auch nicht viel Platz eingeräumt wird, weil’s doch eben nicht so oft passiert – eine veraltete Einschätzung unserer Realität, wie auch Frau Massell’s Zahlen aus dem letzten Senatsbericht zeigen.

Was viele letztendlich unterschätzen, ist das Stigma und die Verinnerlichung dessen, welche Menschen mit Behinderung nur zu gut kennen. Einige können sich das vielleicht vorstellen, wer zögert, bevor er*sie seine*ihre Ethnizität, Religion, Sexualität, Gender oder andere persönliche Informationen teilt? Wahrscheinlich fühlt es sich ähnlich an, wenn ein*e Studierende*r immer wieder, vor allem auch eine ‚unsichtbare‘ Behinderung, erklären und darlegen soll. Hinzu kommt das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, da immer noch vermittelt wird, man sei ein Störfaktor, wenn nicht dem Konstrukt der Norm entsprochen wird. Aus dieser Position heraus eine Diskussion der „Angemessenheit“ und der Frage ‚Was steht mir zu?‘ zu starten, ist schwierig. Ganz zu schweigen davon, dass es das Prüfungsamt ist, welches den Antrag genehmigen oder abweisen wird. Das scheint sinnvoll – vor allem, weil diese hier fachlich dafür ausgebildet sind, die gesundheitlichen Aspekte zum Prüfungsantritt nachzuvollziehen. Ach, sind sie nicht? Oh. Das war übrigends auch ein Argument des HoPo-Referats bei der letzten Vollversammlung zum TOP 3 „Universitätsweite Regelung bei Attesten“.

Und nicht nur Studierende hadern mit der Umsetzung des Nachteilsausgleichs. Vor allem in kleinen Instituten kann es Komplikationen geben, wenn nicht genug Personal für einen zweiten Termin zur Hand ist, barrierefreie Räume in Gebäuden vom 17 Jhd. nicht umsetzbar sind und auch hier die Kapazitäten fehlen, um den Prüfungsort zu wechseln. Anna S. meint, dass sie sich zu oft „hinterrücks entmutigt“ gefühlt hat, von Seiten der Uni, des Deutschen Staates, der Bürokratie und all den Hürden, die eigentlich schon lange beseitigt sein sollten. Dass ein grundlegendes Verständnis über den Lebensalltag von Menschen mit Behinderung in Deutschland fehlt, hängt auch stark mit der Situation zusammen. Im Deutschen Sprachgebrauch und Diskurs gibt es wenig Information und öffentliches Interesse zum Thema Behinderung. Im Alltag erscheint es Betroffenen einfacher, ihre Situation zu verschweigen oder gar doch zu ‚mogeln‘, da es die entsprechenden offiziellen Kanäle und Strukturen doch noch nicht gibt, um fallgerecht handeln zu können. Doch gibt es manchmal schon Kleinigkeiten die Inklusion erleichtern, zum Beispiel die Seite ‚ramp-up.me“, welche bestrebt ist, Veranstaltungen inklusiver zu machen.

Im Vergleich zu Freiburg sind andere Universitäten wesentlich weiter. Manchester in Großbritannien hat den ‚Disability Advisory and Support Service‘ als Anlaufstelle, Minnesota in den USA hat ein ‚Disability Resource Center‘ aufgebaut und bietet auch auf der ersten Seite der Homepage ein Formular namens „Report Disability-Acess Related Issue“ an, welches dadurch Platz für diese Anträge und deren Verarbeitung liefert – es ist also doch nicht so schwierig. In Deutschland ist die Universität Kassel mit dem Modellprojekt ‚Inklusive Hochschulen in Hessen‘ beispielhaft zu nennen, genauso wie die Universität Kiel, die einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonventionen in 2015 veröffentlicht hat. Es könnte also nicht nur eine*n Behindertenbeauftragte*n wie bei uns geben, sondern ein ganzes Büro, welches für die Belange von Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten zuständig ist. Im Team ist es dann möglich, mehrere Sachbearbeiter*Innen, die für Studierende als direkten Kontakt zuständig sind, zu etablieren – während ein weiterer Teil des Teams sich um strukturierende und bauliche Maßnahmen rund um die Uni kümmern kann.

Anna S. hatte ebenfalls die positive Erfahrung gemacht, zusammen mit ihrem*r zuständigen Sachbearbeiter*In einen so genannten „University Support Plan“ auszufüllen. Dieser legt ihre individuellen Anliegen und entsprechende Nachteilsausgleichmöglichkeiten dar und ist für ein akademisches Jahr gültig. Beratend fungiert hier eine ausgebildete Fachkraft, die sich auch mit Behindertenrecht und den medizinischen Umständen auskennt. Dieses Dokument wird den Dozierenden vorgelegt, welche dadurch dann auch einheitlich und kompetent über Handlungsmöglichkeiten und eventuelle Nachteilsausgleiche informiert sind. Dadurch entfällt das Feilschen um ECTS, das Raten beim Formulieren des Nachteilausgleichs, sowie der Extraaufwand, den Alternativen und uneinheitliche Regelungen mit sich bringen. Bisher fragen Studierende sich: Steht mir das zu? Darf ich das? Ich will keine Sonderbehandlung, aber Hilfe – nur wie? Dozierende wiederum befürchten, Studierende unrechtmäßig zu bevorteilen, sich selbst mit zusätzlichen Aufgaben zu überlasten oder haben Angst, falsch zu handeln. Während es in der Struktur der Prüfungsämter sich meistens danach anfühlt, als wäre dieser Antrag eine zusätzliche Bürde in deren Arbeitsalltag. Eine transparente und flexibel geregelte herkömmliche Lösung für den Umgang mit den unterschiedlichen Bedürfnissen, die das Einschätzen des Nachteilsausgleichs erschweren und Grund für die lose Formulierung „angemessen“ in Prüfungsordnungen sind, kommt also der Studierendenschaft, sowie den Dozierenden und den Prüfungsämtern zu gute. Dies muss von höherer Stelle initialisiert und als Struktur im Freiburger universitären Konzept eingeführt werden.

Das muss wachsen und geht nur wenn man Kontakt hat und sich austauscht.

Jedoch ist mit unendlich vielen neuen Regelungen leider nicht die Wunder-Lösung gefunden, denn „es ist klar, wie eine barrierefreie Uni aussehen sollte. Die Hardware wird ständig weiterentwickelt und in Plänen und Listen festgelegt und nachgebessert. Jedoch welche Aspekte, also Fragen wie ‚Wie geht man um mit Behinderung?‘, ‚Wie arbeiten wir mit Schwäche oder Langsamkeit?‘ bleiben bestehen. Ist alles dem Elitegedanken und der Exzellenz unterworfen oder sagen wir, dass es unsere Exzellenz ist, diese Menschen mit allen ihren Stärken und Schwächen als Gleichwertige aufzunehmen und ihnen die Chance zu geben, hier ein gutes Studium zu absolvieren? Das sind alles Sachen, die kann man nicht verordnen. Das muss wachsen und geht nur wenn man Kontakt hat und sich austauscht“, so Massell. Auch Christine Fromm appelliert in dieser Hinsicht: „Hier sind die Hochschulen gefordert, die besonderen Belange von behinderten Studierenden und anderen Studierenden in besonderen Lebenslagen, zum Beispiel von Studierenden mit Kindern, besser zu berücksichtigen“. Genau dies ist Ziel der Freiburger Universität, doch dass Veränderung Zeit braucht, ist auch keine Überraschung. Unser Heft #867 zum Thema Veränderung im Januar 2017 hatte dazu bereits zwei Artikel, jeweils von Frau Massell und dem Referat Studieren ohne Hürden (SoH-Referat). Nun ist es 2018 und wir schreiben wieder darüber. Warum?

Freiburg hat, neben dem schönen Wetter und  weiteren Annehmlichkeiten, auch eine Infrastruktur voller Anlaufstellen für Menschen mit einer Behinderung, z.B. das Zentrum für Autismus- Kompetenz, das Cochlear-Implantat Zentrum der Uniklinik, sowie weitere derer Angebote, ein großes Netzwerk an Therapeuten vor Ort und vieles mehr. All dies lässt Freiburg als Studiensstandort für Studierende mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen attraktiv wirken. Ebenfalls ist Freiburg als geisteswissenschaftliche und renommierte Universität bekannt. Das führt dazu, dass Frau Massell zum Beispiel 200 Studierende betreut, während im selben Zeitraum in Stuttgart an einer technischen Universität circa 70 Studierende die Hilfe der*s Behindertenbeauftragten beanspruchen, während in Konstanz circa 90 Studierende zur Anlaufstelle kommen. Dies sind die Universitäten, an denen Behindertenbeauftragte die Möglichkeit haben, eine Vertretung oder Hilfskraft miteinzubeziehen und Aufgaben zu delegieren. Optionen, die Frau Massell in der jetzigen Aufstellung ihres Beschäftigungsverhältnisses in Freiburg nicht hat.

 Im Vergleich zum Vorjahr gab es einen Anstieg von 31%, im Vergleich zum Beginn von Frau Massels Position haben sich die Neuzugänge mehr als verdoppelt. Ein Grund dafür ist unter anderem die inklusive Beschulung in Deutschland, welche immer mehr junge Menschen mit einer Teilhabebeeinträchtigung und Assistenzbedarf auf ein Studium vorbereitet. Eine erhöhte Sensibilität für das Thema von Seiten der Zielgruppe, aber auch der*des Beauftragten für die Belange von Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten führt dazu, dass die „Inhalte der Beratung komplexer werden“ und „bei mehr als 20% der Ratsuchenden“ ein dauerhafter Bedarf an Unterstützung und Begleitung besteht. Ebenso sind es weitere Ressourcen, wie barrierefreie Räumlichkeiten für die Beratungen oder auch als Ausweichsort zum Ablegen von Prüfungen, Kapazitäten zum Vorbereiten und Organisieren von Treffen und Veranstaltungen, sowie das Ausweiten des Informationsangebots, für universitäre Mitarbeiter, Studieninteressierte aber auch Begleitpersonen von Studierenden mit Behinderung oder chronischen Krankheiten, an denen es mangelt.

Woran es nicht mangelt ist der Wille Einzelner, Inklusion endlich als selbstverständlichen Teil der Universität und im Hochschulalltag zu sehen. Gruppentreffen animieren Studierende über ihre Erfahrungen zu reden, sie bieten und bilden ein Netzwerk aus informierten Studierenden, mit denen man sich austauschen kann. Ideen wie Lernräume für sehbehinderte Studierende in der UB, oder generell Rückzugsorte an der Universität, Wohnheime, die auf Studierende mit Behinderungen vorbereitet sind und zum Beispiel ein interaktiver Lageplan mit genauen Beschreibungen, werden umgesetzt und bei Frau Massell selbst kann man unterschiedliche Assistenzmöglichkeiten abholen.

Das Referat Studieren ohne Hürden hatte in den letzten Jahren ebenfalls einiges durchgesetzt. Im Gespräch mit dem ehemaligen Referenten Andreas Hanka berichtete er mir von der Barrierefreiheitsprüfung der Freiburger Wohnheime, welches „bis heute vorbildhaft in ganz Deutschland [ist] und […] bereits auf Fachkonferenzen als best practice Beispiel vorgestellt“ wurde. „Außerdem wurde[n] im Zuge von Neubauten auch auf die Erweiterung des Angebots geachtet und nicht nur rollstuhlgerechte, sondern auch spezifisch ausgestattete Zimmer für Menschen mit einer Hör- oder Sehbeeinträchtigung“ geschaffen, so Andreas. Ebenfalls wurde in die Wege geleitet, ein Internet-Portal zur Barrierefreiheit der Universität zu schaffen, auf welchem die Gebäude auf „ihre Barrierefreiheit hin dargestellt werden“. Natürlich sei bei einer über 550 Jahre alten Universität klar, dass die alten Gebäude nicht barrierefrei geplant wurden, führt Andreas weiter aus, aber es sollte einen serviceorientierten Weg geben, diese Informationen abzurufen.

Da Frau Massell’s dreijährige Stelle nun mal diesen Herbst zu Ende geht, hatte ich sie gefragt, wie sie nun rückblickend ihre Zeit als Beauftragte für die Belange von Studierenden mit Behinderung oder chronischen Krankheiten wahrnimmt. Sie meinte, vor allem, dass sich das entwickelnde Netzwerk zwischen den Stellen der Universität, Fakultätsvorsitzenden, Senat, Rektorat und Prüfungsämtern, sowie den Schnittstellen mit den Studierenden, zum Beispiel das Studieren ohne Hürden Referat, als hervorstechendes positives Merkmal über ihre Zeit hinweg herauskristallisiert.

Woran es nicht mangelt ist der Wille Einzelner, Inklusion endlich als selbstverständlichen Teil der Universität und im Hochschulalltag zu sehen.

 Leider ist das autonome Referat jedoch, seitdem die bisherigen Mitglieder ihre Studiengänge in Freiburg abgeschlossen hatten, seit Mai 2017 unbesetzt. Hier kann man nur an Studierende appellieren, sich zu engagieren. Vor allem Studierende, die nicht selbst mit einer Behinderung leben, sind gefragt. Denn, Studierende „sind selbst so ausgelastet, dass viele sich manchmal wundern ‚Wie bekomme ich heute den Tag hin?'“, so Anna S., was letztendlich wenig Kapazitäten für ehrenamtliches Engagement übriglässt. Meiner Meinung nach lässt sich hier gut ein Verbesserungspotential herauslesen, und auch andere Universitäten haben realisiert, dass das Einbeziehen der Studierendenschaft beim Thema Inklusion essentiell ist.

Die Uni Hamburg zum Bespiel hat dafür eine Servicestelle zur studienorganisatorischen Unterstützung für gehörlose und hörgeschädigte Studierende, während die Uni Potsdam alle Erstsemester-Tutoren zum Thema Studium und Behinderung schult. Andere Universitäten haben angefangen ECTS-Punkte für soziales Engagement zu vergeben, wenn man z.B. als Begleitperson in den ersten Semestern fungiert, aber auch hier in Freiburg ist der Gebärdensprache- Kurs, den das SoH-Referat eingeführt hat, sehr nachgefragt. Es sollte eigentlich keine Überraschung sein, dass heutzutage Kompetenzen in diesen Bereichen immer mehr gewollt und nötig sind. Sich diese an der Hochschule anzueignen, ist doch für niemanden eine schlechte Idee! Inklusion heißt, dass wir als Gesellschaft anerkennen, welche Hürden für Teile der Gesellschaft beim gemeinsamen Zusammenleben existieren, wie diese abgebaut werden können und wie Menschen ohne Behinderung darüber informiert werden und helfen können. Engagement im Referat Studieren ohne Hürden, das Nutzen und der Appell zum Ausweiten von Angeboten wie dem Gebärdensprachenkurs, oder auch einfach ein offenes Ohr für diese Anliegen , sollte essentiell für die Studierendenschaft Freiburg und für die Universität Freiburg sein. Jede*r selbst kann reflektieren, inwiefern er*sie über diese Thematik informiert ist und Defizite hier ausgleichen sollte. Von strukturierender Seite ist das große Stichwort Flexibilität.

Studierende mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten wollen keine Noten auf dem Silbertablett – diese Idee ist absurd. Was jedoch lautstark und gerechtfertigt gefordert wird ist, dass die Universität anerkennt, in welchen unterschiedlichen Lebenssituationen sich die Studierenden befindet und dass es Studienbedingungen sind, die Probleme schaffen. Hier den Anlaufstellen die nötigen Kapazitäten bereitzustellen, Prüfungsordnungen zu überarbeiten und grundsätzlich an der Albert-Ludwigs-Universität ein Bewusstsein für Inklusion zu schaffen, sollte das Hauptziel sein!

 

Beauftragte für Studierende mit Behinderung oder chronischen Erkankungen

Frau Beate Massel

Sedanstraße 6

Zimmer 02/029

Tel. 0761 – 203 – 67380

massell@service.uni-freiburg.de

Sprechstunde

Mo 14-16 Uhr

Mi & Mo 9-12 Uhr

sowie nach Vereinbarung

Termine

Gruppentreffen 18:30 Uhr im SCS, Zimmer 02/025

Abwechselnde Gruppen (genaue Termine online):

– Studierende mit Autismus Spektrum

– Studierende mit psychischer Erkrankung

Biografiezirkel für Studentinnen und Akademikerinnen mit Beeinträchtigung

1. Treffen am Donnerstag, 7. Juni

17-19 Uhr, UB, Veranstaltungsraum (1.OG)

Teilnahme bitte per E-Mail oder telefonisch anmelden!