Antisemitismus gibt es auch in der Linken. Wer das nicht wahrhaben will, ist Teil des Problems.  Ein Kommentar des Referats gegen Antisemitismus. 

 

Was ein Fest! Nachdem letztes Jahr die Protestant*innen ihren Lieblingsantisemiten Martin Luther feiern durften, ist jetzt die Linke dran, ihren Evergreen durch Feuilletons und Vortragsräume zu tragen: 1968 wird fünfzig! Bei all der Feierei fällt es dann auch gar nicht auf, dass im SDS damals Sprüche wie „Schlagt die Zionisten tot, färbt den Nahen Osten rot“ kein Tabu, sondern guter Ton waren.

Zum Anlass lud deshalb die Gruppe Marx21 Volkhard Mosler zu einem Vortrag ein, um über eben jenes „1968 und die kommende Revolte“ zu referieren. Der Vortrag sollte Teil der vom SDS organisierten „Kritischen Einführungstage“ werden, an dem auch wir als Referat gegen Antisemitismus mit einem Vortrag zum Antisemitismus in der radikalen Linken teilnehmen wollten. Die Idee eines Bündnisses zwischen linken Gruppen, die sich auf einen Minimalkonsens einigen können, unterstützen wir. Aber wenn Minimalkonsens heißen soll, dass mit Marx21 eine Gruppe teilnimmt, die offenen Antisemitismus in ihren Reihen duldet, und einem Referenten, der sich wiederholt antisemitischer Klischees bedient, um Stimmung gegen Israel zu machen, dann wird damit eine Tradition innerhalb der Linken weitergetragen, Antisemitismus in den eigenen Reihen zu leugnen und zu verdrängen.

Es wundert nicht, dass der Vorwurf des Antisemitismus gegen Volkhard Mosler auf Unverständnis und Empörung gestoßen ist. Als Antisemit bezeichnet zu werden ist heute schließlich schlimmer, als einer zu sein. Nach einer Gewissensprüfung konnte Marx21 dann auch zusichern, dass Mosler keine antisemitischen Einstellungen vertrete. Dass sich antisemitisches Denken subtiler, in Codes und neuen Formen Bahn bricht, das deutlich zu machen, ist heute noch so nötig wie vor fünfzig Jahren.

Es gibt unzählige Beispiele und Stellen in Moslers Texten und Vorträgen, die unseren Vorwurf begründen. So leugnete Mosler, als 2014 in ganz Europa Pogromstimmung gegen Israel und dessen jüdische Bevölkerung gemacht wurde, dass es in Deutschland eine Welle des Antisemitismus gab: „Die antijüdischen Einstellungen junger Maghrebiner in Frankreich oder Jugendlicher türkischer oder arabischer Herkunft in Deutschland, nährt sich aus der realen Erfahrung der Vertreibung und Tötung von Palästinensern durch den Staat Israel. Das rechtfertigt solche Einstellungen und Haltungen nicht. Aber es weist uns einen Weg, wie wir mit solchen Vorurteilen umgehen müssen, nämlich durch kritische Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand von Linken und von Linken jüdischer Abstammung.“ (https://www.marx21.de/es-gibt-keine-welle-des-antisemitismus/) Es ist Mosler nicht einmal das Wort ‚Antisemitismus‘ wert, wenn er von „antijüdischen Einstellungen“ spricht. Ist es denn kein Antisemitismus, wenn auf Demonstrationen „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf‘ allein“, wenn „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ gebrüllt wird? Schon das „Aber“, mit dem der letzte Satz beginnt, bezeichnet die Heuchelei seiner Lippenbekenntnisse. Dass Mosler dann in der Solidarität mit „dem palästinensischen Widerstand“ die beste Strategie gegen Hass auf Juden sieht, spricht schon für sich.

Auf einer Podiumsdiskussion gab Mosler im Jahr 2002 seine eingebildete moralische Überlegenheit zum Besten, indem er verkündete, „dass die »Lehre« aus dem Holocaust die Bekämpfung des Rassismus [!] sein müsse und dass, wenn einstige Opfer nun selbst Faschisten [!] geworden seien, diese »Lehre« doch auch und gerade für Israel gelten müsse.“ (http://copyriot.com/sinistra/reading/liru8-4.html) Mit einem Schlag werden bei Mosler aus den Opfern der Shoah diejenigen, welche die Lehre aus ihrer Verfolgung zu ziehen hätten, – und so werden aus Opfern Täter. Es ist die Mentalität der ‚ehrbahren Antizionist*innen‘, die keine furchtbaren Antisemit*innen sein wollen, dass den toten Juden das Mitgefühl gilt, die lebenden aber sehen sollen, wo sie bleiben. „Das ist vielleicht das eigentlich Typische und Perfide an den ‚Israelkritikern‘. Sie handeln im höheren Auftrag ihres Gewissens. Sie sind fest entschlossen, Israel Moral beizubringen. Nicht zuletzt die deutsche Geschichte verpflichtet sie dazu.“ (Schapira/Haffner, „Israel ist an allem schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird“, S. 190.)

Dass die Positionen und Äußerungen Moslers innerhalb Marx21 kein Einzelfall, sondern Teil eines systematischen Problems sind, das die Gruppe weder bereit anzuerkennen, noch gewillt zu bekämpfen ist, macht Zusammenarbeit mit ihnen unmöglich. Wer sich selbst überzeugen will, dass obsessive

„Israelkritik“ eine der Hauptbeschäftigungen von Marx21 ist, braucht bloß auf deren Webseite nachschauen oder einen Blick in die Abgründe ihres Textarchivs werfen.

Marx21 definiert Antisemitismus als eine Unterform des Rassismus. Diese Meinung blendet aus, dass weder Leugnung des Holocausts, noch das Wittern einer vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung unter die nationalsozialistische Phantasie einer biologischen „Rasse der Juden“ fallen. Indem Marx21 jene Formen, die nicht unter den Rassenantisemitismus zu fassen sind, ausblenden, stilisieren sie Antisemitismus zu einem Problem, das nur bei Nazis, und nicht ebenso in der Linken existierte. Wer bereit ist Antisemitismus beim Namen zu nennen, wird ihn auch dort ernstnehmen und bekämpfen, wo ihn andere verdrängen und verleugnen. Marx21 wollen ihn nicht sehen.