Anhand eines Gesprächs mit zwei Krankenschwestern kristallisierten sich folgende Themen heraus: Kommunikationsprobleme zwischen Arzt*innen und Patient*innen, Überlegungen zur Patientenverfügung, sowie der Alternativmedizin. Und letzten Endes, was du tun kannst, um im Gesundheitssystem deine Autonomie zu bewahren oder wiederzuerlangen.

von Amina Günter

Wenn es um die eigene Gesundheit geht, kommt man unweigerlich zum Thema Autonomie und Gesundheit. Wie jedoch kann das Individuum im Gesundheitssystem Autonomie gewinnen oder bewahren? Um einen praxisorientierten Einblick zu bekommen, treffe ich zwei Krankenschwestern, die beide im Krankenhaus arbeiten.

Zunächst stelle ich die Frage, was ist das Ziel im Hinblick auf die Autonomie im Gesundheitssystem am Beispiel des Krankenhauses: Prinzipiell ist das Ziel von Ärzt*innen die Autonomie bei den Patient*innen wieder herzustellen und die Handlungsmacht wieder zu geben. Als Grundsatz klingt das recht plausibel und ambitioniert. Aber oft stehen Hürden dazwischen, Abhängigkeiten, Stress und Engpässe im Personal, sowie etliche andere Probleme.

Wie kann ich, als Individuum, das krank ist und somit von Experten und Expertinnen abhängig ist, dennoch für mich einstehen?Die eine Freundin erzählt mir, dass Ärzte und Ärztinnen ein hohes Vertrauen genießen, was den Expertenstatus angeht. Die meisten Patient*innen sind oft ein zwei Generationen älter, abhängig und sehen die Ärzte und Ärztinnen nach wie vor als „Halbgötter in weiß“: „Ich hab oft beobachtet und auch andere Kolleg*innen, dass die Leute unten an der Pforte im Krankenhaus ihre Selbständigkeit und auch ihren Verstand manchmal abgeben und sich wie so eine leere Hülle in das Krankenbett legen. Das heißt eigentlich können sie noch Sachen für sich entscheiden aber irgendwie ist dieser Zustand in dem Patientenhemd sowas von verändernd und lähmend, dass sie plötzlich ein total anderer Mensch sind. Da gab es Geschäftsleute, Mitte 50, selbständig, teilweise in hohen Positionen, die sich fast schon hörig verhalten. Da wird komplett der Verstand an der Pforte abgegeben.“

Was immer auch noch beachtet werden muss, ist in welchem Zustand sich der Patient oder die Patientin befindet. Es gibt drei Arten von Patient*innen: Zum einen diejenigen, die nicht zurechnungsfähig sein und beispielsweise an Demenz oder Alzheimer leiden. Zum anderen gesunde Patienten und ältere Patienten, die oft akustisch schlecht hören und auch inhaltlich vieles nicht verstehen. Ärzte und Ärztinnen reden oft im Fachjargon, das eine weitere Kommunikationsschwierigkeit darstellt. Viele junge Assistenzärzte und -ärztinnen kommen aus aller Welt, sind toll ausgebildet aber haben oft noch eine Sprachbarriere. Wenn der Patient oder die Patientin dann noch schlecht hört, was bei vielen der Fall ist, da die meisten Patient*innen älter sind, schränkt das ihre Autonomie und Handlungsfähigkeit ein, da die Kommunikation nicht funktioniert.

Hinzu kommt der Zeitfaktor, viele Ärzte und Ärztinnen haben nur begrenzt Zeit sich um die einzelnen Patient*innen zu befassen. Da trifft sie eine Schuld, unser Gesundheitssystem ist so ausgelegt. Viele Patient*innen schüchtert der Arztkittel und den Expertenstatus ein und meist machen Ärzte und Ärztinnen mit fünf Assistenzärzt*innen und drei Krankenpfleger*innen die Visite und klären dabei den oder die Patient*in auf. Da wird es oft schwierig für den Patienten oder die Patientin nochmal zu hinterfragen, was denn genau passiert.

Wenn der*die Patient*in dann noch schlecht hört … schränkt das ihre Autonomie und Handlungsfähigkeit ein, da die Kommunikation nicht funktioniert

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, dass Patient*innen unbedingt Medikamente wollen, obwohl diese nicht nötig sind oder dass Patient*innen sich von Ärzt*innen nichts sagen lassen und vieles besser wissen wollen. Oft sind Patient*innen rigoros und nehmen beispielsweise Medikamente nicht so ein, wie vom Arzt verordnet. Viele machen das aus dem Grund, da bereits eine Verbesserung eingetreten ist. Je mehr Medikamente ein Patient oder eine Patientin nehmen muss, desto mehr Nebenwirkungen treten auf und dann gibt es wiederum Medikamente gegen diese Nebenwirkungen. Ab drei Medikamenten kann nicht mehr vorausgesagt werden, wie die Wechselwirkung ist. Vielleicht ist es daher nicht so schlecht, dass der Patient oder die Patientin selbständig entscheidet, manche Medikamente nicht zunehmen. Handelt es sich dabei nicht auch um eine Art neue Autonomie?

Prinzipiell ist das Ziel von Arzt*innen die Autonomie der Patient*innen wieder herzustellen und Handlungsmacht zurückzugeben.

Schriftlich kann vorsorgend eine Patientenverfügung ausgefüllt werden, allerdings ist damit keine volle Sicherheit garantiert. Die Interpretation jener hängt stark von den Ärzt*innen ab, ihrer Einschätzung und den Meinungen der Angehörigen. Es gibt hier sehr viele Grauzonen. Eine Patientenverfügung gewährt demnach keine volle Autonomie. Der Tipp ist dabei, besser mit Verwandten und Freunden Wertvorstellungen zu teilen und gewisse Wünsche zu vermitteln. Zusätzlich ist es sinnvoll, diese Vorstellungen auch persönlich und handschriftlich mit einem Zeugen/einer Vertrauensperson festzulegen, wie eine Art Vollmacht, da das Formular auch nicht alle Eventualitäten berücksichtig und in manchen Momenten die eigene Formulierung essentiell ist.

Wie gehe ich mit einer Diagnose und dem anschließenden Therapieverlauf um, kann ich da teilweise selbst mitbestimmen? Bei vielen Diagnosen, wird sich meist nur auf eine Meinung verlassen, aufgrund des Schockmoments, in dem gerne die Verantwortung an die Expert*innen abgegeben wird. Oft sind die Patient*innen dann nicht in der Lage psychisch noch weitere Meinungen einzuholen. Hinzu kommt der Druck, der von manchen Expert*innen ausgeübt wird, dass andere Ärzte und Ärztinnen auch dieselbe Diagnose oder Therapievorschläge stellen würden. Vor allem bei wichtigen und schwerwiegenden Krankheiten und Beschwerden wie beispielsweise zu den Themen Krebstherapie oder große Operationen sind Zweitmeinungen wichtig. Patient*innen haben das Recht dazu, sich eine zweite Meinung einzuholen, das wird auch von der Krankenkasse finanziert.

Wie erklärt sich der Zulauf zur Alternativmedizin, fühlen sich die Patient*innen dort besser aufgehoben? In der Alternativmedizin herrscht ein anderes Menschenbild als in der Schuldmedizin. In der Schuldmedizin gibt es eine Art materialistisches Menschenbild: Eine körperliche Störung liegt vor und diese muss behoben werden.

Vor allem bei wichtigen und schwerwiegenden Krankheiten und Beschwerden … sind Zweitmeinungen wichtig.

In der Alternativmedizin wird der Körper individuell und ganzheitlicher betrachtet, sowohl die Lebensumstände, als auch die Psyche. Der Zulauf kommt zum einen davon, dass dem Patient oder der Patientin das Gefühl vermittelt bekommt mehr wertgeschätzt zu werden und mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das ist der eine Aspekt, der andere ist, dass Menschen die Alternativmedizin in Anspruch nehmen, da sie mit der Schulmedizin nicht mehr vorankommen. In der Schulmedizin ist eine Handlungsgrenze erreicht, es können nur noch Symptome bekämpft werden aber nicht die Ursache und in der Alternativmedizin können die Betroffenen oft noch Hoffnung schöpfen. Das kann sich sowohl positiv als auch negativ auswirken. Krankheiten besiegt man oft nicht nur mit Medikamenten, Operationen und Infusionen, sondern auch mit der Willensstärke von dem eigenen Körper und der Seele.

In der Alternativmedizin wird der Körper individuell und ganzheitlich betrachtet, sowohl die Lebensumstände, als auch die Psyche.

Wenn man eine negative Einstellung zu der Krankheit und den Heilungschancen hat, was natürlich auch schwer abzulegen ist,  beeinflusst das den Gesundheits- oder Krankheitsverlauf. Selbst wenn nur ein Placeboeffekt eintritt, der Gedankengang des*der Patient*in ist ein anderer. Er bietet psychische Unterstützung und  emotionale Verarbeitung der Krankheit. Problematisch wird es jedoch immer da, wo Positionen ausgenutzt werden. Auch Ärzte und Ärztinnen in der Alternativmedizin sollten erkennen, wenn eine Grenze erreicht ist und den betroffenen Menschen das mitteilen und an die Schulmedizin verweisen, genauso umgekehrt.

Schlussendlich kann gesagt werden, dass eine klarere und umfassendere Kommunikation zwischen Ärzt*innen und Patient*innen zu einer besseren Handlungsmacht bei den Patient*innen führt, somit auch die Autonomie gewahrt oder wiedererlangt werden kann.

Zusammenfassend kannst du also folgende Dinge tun, um ein Stück weit handlungsfähig und autonom zu bleiben:

  •  Zweite Meinung einholen
  •  Patientenverfügung
  •  Eine zweite Person dabei haben, die mithört und fragt (vor allem bei schwerhörigen und älteren  Personen)