Tracking-Apps können deine Motivation steigern, oder lassen deine Kontrollzwänge aufleben. Aber was passiert mit den Daten, steuern wir auf eine Verstärkung des Zweiklassensystems im Gesundheitssystem zu und wer profitiert von gesunden Menschen?

von Amina Günter

 

Kurz noch die Joggingrunde und den letzten Kilometer beenden, die Augen auf dem Handy, die Zeit geht kaum vorbei, schmerzende Oberschenkel, Schnappatmung aber das Wochenziel (den Vorsatz vom 1. Januar 2017) muss durchgehalten werden. Die Sekunden vergehen zäh, ich hasse meinen Körper. Dann endlich ist die Marke geknackt. Erschöpft bleibe ich stehen, ich soll meinen Lauf beschreiben: Das Wetter war okay, bewölkt, ich benote den Lauf mit einem neutralen Smiley. Es war nicht die Hölle, aber auch kein großer Erfolg, wie mir meine gemessene Durchschnittsgeschwindigkeit anzeigt. Aber ich habe durchgehalten, das ist alles was zählt. Ich habe schlechte Laune, ein kurzer Blick auf meine Zyklus-App bestätigt mir auch warum, PMS-Time. Juhu, geht mir aber durch die Tatsache besser, dass ich Bescheid weiß. Das lässt auch den semiguten Lauf erklären, bestimmt! (Dass ich Joggen generell hasse vergessen wir hier mal). Ich mache noch ein Bild vom Sonnenuntergang an der Dreisam, ganz nett, Naturbilder kommen immer gut an. Ein paar Hashtags dazu #justdoit #workhard #nopainnogain #motivation, über die ich mich lustig mache und fertig ist mein Post. Müde stecke ich mein Handy in die Tasche und laufe erschöpft nach Hause, während die ersten bestärkenden Kommentare eingehen von Nutzer*innen aus der ganzen Welt. Meine Laufapo aktualisiert derweil meine Statistik, Google Maps schlägt mir vor, ob ich denn nicht das indische Restaurant, die Tankstelle und den Drogeriemarkt bewerten möchte, an denen ich vorbeigelaufen bin und mein Schrittzähler hat die 15.000 Schritte Tagesziel eingespeichert. Alles erledigt für heute oder? Ach nein, ich habe vergessen mein Abendessen einzutragen. Sehr schön, ein Kaloriendefizit von 400 Kalorien, das bedeutet morgen beim täglichen Wiegen werde ich rund 60 Gramm Fett abgenommen haben…

Wenn es nicht dokumentiert oder getrackt wurde, ist es nicht passiert.

 Fitnessarmbänder, Kalorien Tracking Apps, Schrittzähler… Ich bin mir sicher fast jede*r hat eine dieser Apps auf seinem Smartphone, wissentlich oder unwissentlich. Du kannst alles tracken, deine Schritte,dein Gewichtsverlauf, deine Nahrungsmittelaufnahme, Wassertrinken und der Verlauf des Zyklus. Bei vielen Smartphones sind bestimmte Tracker wie beispielsweise diese, die die Schrittanzahl messen, bereits integriert. Ein Drittel der Deutschen benutzen Tracking-Apps. Doch was macht das mit uns? Zum einen gibt es zunächst das Gefühl produktiv zu sein, du hast Zahlen und Statistiken, die dir direkt vor Augen führen, was du getan hast. Zum anderen setzt genau das unter Druck alles zu dokumentieren, ganz nach dem Motto: Wenn es nicht dokumentiert oder getrackt wurde, ist es nicht passiert. Kontrollzwänge lassen sich durch Tracking-Apps ganz gut ausleben.

Das Phänomen der Entfremdung des Körpers wird unter dieser Technologie weiter verstärkt. Hinzu kommt die immer fragwürdige Datennutzung, von Dritten, diesem Risiko ist man immer ausgeliefert. Auf einmal werden auf Facebook die neusten Sporthosen von diversen Marken angezeigt oder Nahrungsergänzungsmittel empfohlen. Undpersonalisierte Werbung ist wahrscheinlich noch das harmloseste. Unabhängig davon, dass dritte Nutzer*innen die Daten verwenden können für Werbezwecke etc., gibt es Tendenzen der Beurteilung der Menschen hinsichtlich der Präventivmaßnahmen, die von jedem Individuum geleistet wird. Vor allem aus wirtschaftlichen Interesse sind diese Apps für viele Unternehmen und Krankenkassen attraktiv.

Unsere Gesellschaft möchte gesunde und vor allem funktionierende Körper.

 Rein aus präventiven Gründen sind die Daten interessant, da Unternehmen sehr an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen interessiert sind. Denn wenn du gesund bist, bist du ein*e sichere*r Arbeitnehmer*in und zu mehr Leistung fähig. Und du liegst dem Staat nicht auf der Tasche. Das bedeutet viele Menschen schlagen Profit aus der Gesundheit der Menschen, denn unsere Gesellschaft möchte gesunde und vor allem funktionierende Körper. Ilona Kickbusch beschäftigt sich schon länger mit der Gesundheitsgesellschaft. Sie ist Politikwissenschaftlerin und vor allem bekannt für ihre Beiträge zur Gesundheitsförderung und Weltgesundheit. Die Megatrends der Gesundheit und deren Konsequenz für Politik und Gesellschaft, was gleichzeitig auch der Titel ihres Buchs darstellt. Darin beschreibt sie, dass Gesundheit und Krankheit zu einem wichtigen Markt geworden sind. Gesundheit ist jetzt ein Teil der Lebensqualität, das war nicht immer so. Es fand ein normativer Umbruch statt, denn in modernen Gesellschaften sind die Menschen dem Schicksal von Gesundheit nicht nicht mehr ganz so wehrlos ausgeliefert, das beinhaltet auch Krankheiten. Sie beschreibt vier Maxime der Gesundheitsgesellschaft: Gesundheit ist, grenzenlos, überall, machbar und jede Entscheidung ist eine Gesundheitsentscheidung.

 Die neuste Gesundheitsrevolution beinhaltet die Förderung der Gesundheit in vielfältigen Lebenswelten im modernen Alltag. Die Lebenswelt und Lebensweisen sind bestimmend für die Gesundheit der Menschen. Die WHO hat deswegen eine internationale Kommission eingesetzt, die soziale Faktoren der Gesundheit herausfinden soll. Es gibt soziale und personale Faktoren und Faktoren, die mit dem jeweiligen Gesundheitssystem zusammenhängen. Kampagnen werden gestartet, damit die Menschen gesünder leben. Es geht nicht mehr nur um Verhaltensänderungen eines Einzelnen, sondern die Kampagnen richten sich auch an die soziale Umwelt. Teil dieser Kampagnen beinhalten Tracking-Apps. Vor allem Krankenkassen sind daran interessiert an gesunden Menschen und an deren Daten durch Tracking-Apps. Durch die Überwachung des Körpers können frühzeitig Krankheiten entdeckt werden oder präventiv eingegriffen werden. Das spart den Kassen natürlich viel Geld. Aber wo führt das hin? Bedeutet das in Zukunft, dass sich die Zweiklassenteilung im Gesundheitssystem, die schon deutlich besteht, weiter auseinander klafft? Es gibt bereits jetzt Tendenzen dazu, dass wenn Menschen nicht vorbeugen, sie später aufgrund dessen in der Gesundheitsversorgung diskriminiert werden. Die individuelle Schuldzuweisung an einer Krankheit aufgrund fehlender Präventivmaßnahmen im Lebenslauf ist ein weiteres Phänomen, dass bereits jetzt schon eintritt.

Es gibt bereits jetzt Tendenzen dazu, dass wenn Menschen nicht vorbeugen, sie später aufgrund dessen in der Gesundheitsversorgung diskriminiert werden.

 Ein mögliches Zukunftsszenario könnte also sein: „Du hast keine zwanzig Jahre drei mal die Woche Sport gemacht, wir unterstützen deine Bandscheiben-OP nicht, die Kosten musst du selber tragen.“ Aktuell werben die gesetzlichen Krankenkassen mit Boni, sie bezahlen teilweise Fitness-Apps oder beteiligen sich finanziell an Kursen. Private Krankenkassen unterscheiden allerdings jetzt schon deutlich zwischen Menschen, die Sport machen und Menschen, die nicht Sport machen. Der Versicherungstarif der Krankenversicherung wird anhand der Gesundheitsdaten individuell angepasst. In Planung ist zudem, dass sportliche und gesunde Menschen sich einen finanziellen Vorteil durch das Bonisammeln erarbeiten können. Wer also nicht in seinen Körper nach gewissen Maßstäben investiert, zieht den Kürzeren.