Erinnerungen und Refelxionen bezüglich der jüngsten Besetzung des Audimax

von Zozy

Diese Frage schien nach der Besetzung des Audimax vergangenen Dezember für etwas mehr als zwei Tage von besonderem Interesse zu sein. Sie wurde nicht nur mir – nicht selten, zumal – gestellt, auch viele Freund*innen erzählen mir, dass sie gegenüber ihnen immer wieder aufkam.

Von Studierenden, welche 2009 teils dabei, teils nicht dabei waren, von Dozierenden und Promovierenden, selbst von Familie und Verwandten während der Festtage. „Und was habt ihr erreicht?“ war dann zumeist die Frage, die ihr folgte. Ohne dem teils auch nach einer Rechtfertigung verlangenden unterschwelligen Ton Folge leisten zu wollen, möchte ich hier aus meiner Perspektive als eine der Besetzer*innen Antworten auf diese Fragen geben. Sie scheinen – da oftmals geäußert – einerseits in gewisser Weise von drängendem Charakter zu sein. Andererseits denke ich, dass sie wichtige Aspekte in einer Diskussion erfolgsversprechender widerständiger Strategien aus minoritären Positionen liefern können. Denn unsere Entscheidung „nur zwei Tage“ zu besetzen, war – soviel vorweg –, eine bewusst gewählte, strategische. Zunächst aber einige Worte zur Besetzung selbst.

Was sich mit Blick auf die nackten Zahlen als überschaubare Gruppe darstellt, waren tatsächlich weit mehr Menschen.

Zwischen dem Abend des 14. Dezember und dem Nachmittag des 16. Dezember besetzen mehrere Hundert Studierende das Audimax der Uni Freiburg. Rund 400 Studierende hatten sich im Ausgang der Vollversammlung der Studierendenschaft für die Besetzung des Audimax ausgesprochen. Etwa 300 blieben bis zum Ende des ersten Plenums in der Nacht zum Donnerstag. Über die Nacht blieben etwa 150 Besetzer*innen. Tags über füllte sich das Audimax wieder und die Zahl der Besetzenden pendelte sich zwischen 250 und 150 ein. Mit etwa 200 Personen zogen wir dann Freitag Mittag zur öffentlichen Senatssitzung, um dort unseren Protest sichtbar und hörbar zu machen. Am Abend verlasen wir unsere Kritik im Rahmen eines Konzertes der Orchester der Uni Bern nochmals vor dem Publikum.

Was sich mit Blick auf die nackten Zahlen als überschaubare Gruppe darstellt, waren tatsächlich weit mehr Menschen. So wechselten sich die Besetzer*innen ab, immer neue Studierende und teils auch Promovierende kamen ins Audimax. Sie nahmen Teil in den Plena, in denen wir unser weiteres Vorgehen und unsere Forderungen diskutierten, organisierten sich in Arbeitsgruppen, nahmen an Workshops zu politischen und künstlerischen Themen teil oder veranstalten diese spontan selbst. Plakate entstanden, Reden und Pressemitteilungen wurden geschrieben, Interviews organisiert und geführt. So hinterließen wir unsere Spuren als Trending Top bei Twitter in Social Media, sowie in den Web- und Printausgaben praktisch aller größeren bundesweit und zahlreichen in Baden-Württemberg erscheinenden Tageszeitungen. Der SWR berichtete im Fernsehen sowie in seinen Radioprogrammen. Wir, sowie die mediale Öffentlichkeit, nötigten die Grüne Partei, sich öffentlich zu positionieren. Dabei gelang es uns, Brüche und Differenzen in der Partei sichtbar zu machen. Lies Theresia Bauer der Presse mitteilen, sie halte unsere Kritik für unangemessen, sprach sich die Grüne Bundestagsfraktion gegen die Gebühren aus.
Wenn bislang (noch) nicht Sprengkraft, so hat das Thema Studiengebühren und damit Bildungspolitik also zumindest wieder an Sichtbarkeit gewonnen. Dies erscheint dringend notwendig. So schreitet mit der Exzellenzintiative, sowie der zunehmenden Abhängigkeit von Drittmitteln, die Vereinnahmung der doch eigentlich „freien“ Lehre und Forschung von Vorstellungen und Imperativen kapitalistischer Verwertbarkeit stetig voran. Gleichzeitig ist durch die Proteste die nationalistische, auf den Wettbewerbsvorteil des Standortes Deutschland beschränkte Ausrichtung der Grün/Schwarzen Landesregierung nicht aus dem Blick geraten. Vielmehr erscheint mit der aktuelle Auseinandersetzung um die Studiengebühren eine weitere Front gegen der Standortnationalismus und die Preisgabe der ohnehin massiv beschnittenen sozialen Rechte in der bundesdeutschen „Sozialen“ Marktwirtschaft.

Mit Blick darauf, dass das Thema Studiengebühren für Nicht-EU-Bürger*innen und für das Zweitstudium sowohl unter der Mehrheit der Studierenden als auch in der Presse vor der Besetzung kein Thema waren, können die Proteste insofern nicht anders als Erfolg gedeutet werden. Sie waren ein Auftakt für weitere Proteste mit einer nun stärker politisierten Studierendenschaft. Denn, so muss auch ich als eine der Initiator*innen der Besetzung zugeben: Die Proteste waren vor der Besetzung getragen von einer vergleichsweise kleinen Gruppe mit nur rund einer Woche Vorlauf. Darum waren sie auch für die Zeit angelegt, die diese Gruppe sie tragen konnte. Im Prozess der Besetzung jedoch wurden wir mehr und mehr, trugen den Protest auf immer mehr Schultern.
Insofern stimmt mich die Besetzung in doppelter Weise optimistisch. Einmal, weil ich gesehen habe, wie sich immer neue Leute in die Strukturen eingebracht haben und auch Studierende für eine verhältnismäßig radikale Form des Protest begeistert werden konnten, die an einer solchen zuvor vermutlich nie teilgenommen hatten. Wir kommen also wieder, nur werden wir mehr sein und zumal durch die Erfahrungen gestärkt. Zum anderen bin ich zuversichtlich, weil ich gesehen habe, wie schnell und einfach wir mit vergleichsweise wenig Aufwand in der Vorbereitung große Resonanz erzeugen konnten, wie wir es schaffen konnten, uns den Raum zu nehmen und zu füllen. Es zeigt, dass es genügt, nur einige wenige zu sein, um – den Hashtag der Besetzung aufzugreifend – die Uni zum Brennen zu bringen. Denn es gibt so viele, die bereit sind, sich mit ihrer Energie und ihrer Kreativität einzubringen, um Proteste gegen die diskriminierende, und mit Blick auf AfD und Co, gefährliche Politik der Landesregierung zu tragen und sie laut und bunt zu gestalten.
Es stimmt, wir haben Fehler gemacht, die dazu führten, dass uns das Rektorat weite Teile der politischen Arbeit während der Besetzung blockieren konnte. Aber wir werden diese Fehler kein zweites Mal machen. Viel wichtiger ist jedoch, dass wir auch sahen, dass es sich das Rektorat nicht leisten kann, seine eigenen Studierenden von der Polizei aus ihren Gebäuden prügeln zu lassen. Das Audimax war, mehr als wir es während der Besetzung ahnten, unser Raum. Ein Raum, den wir füllten, um Aufmerksamkeit für die diskriminierende Bildungspolitik der Landesregierung zu schaffen und Mut zu fassen für weiteren nachdrücklichen und lautstarken Protest. Ein Raum, um im aktuellen Jahr umso vehementer einzustehen für eine solidarische Gesellschaft und linke Politik.