Reflexionen über Verstrickungen und Rufe nach Aufbegehren
zwischen House, Rap und Punk.

Zoe* Steinsberger

We live in an era when ‚change‘ is a soundbite to sell more of the same old ideas, and ‚revolution‘ has more to do with social trends than social transformation“ (Will Long/Terre Thaemlitz). Nicht viel anders ist es wohl mit den Schlagwörtern „Veränderung“ und „Widerstand“ im Feld der populären Musik. Sind sie nicht schon längst Chiffren eines zutiefst vermarkt- lichten Versprechen? Sind sie nicht das Dope, das uns angesichts immer erstarrter erscheinender sozialer Verhältnissen eine Veränderung verheißt, die, so schnell, so leicht, kaum nur zu erhoffen ist, nur am Leben hält? Ohne Aussicht auf Veränderung, gar „Revolution“? Ist Musik, Kunst im Allgemeinen, die mit den Labeln „Widerstand“, „Veränderung/Wandel“ oder „Revolution“ belegt ist, nicht letztendlich der Beweis, dass es Kapitalismus und Warenfetischismus gelungen ist, auch jene Versprechen auf Veränderung zu vereinnahmen? Aus den sich widerständisch Meinenden Profit herauszuquetschen, wie es das sogenannte Punk Paradox „Konsumprotest durch Protestkonsum“ schon seit Jahrzehnten so prägnant formuliert?

„Ja, … ja, aber …“ soll die stockende, trotzige Antwort dieses Rückblicks auf für mich wichtige Songs des vergangenen Jahres sein. Ich will die Warenförmigkeit von populärer Musik nicht verdrängen und doch Räume, Zeilen und Konzepte des Widerstandes gegen gesellschaftliche Herrschaftsmechanismen aufzeigen. Den Ideen, Konzepte, selbstredend widersprüchliche, gibt es aktuell viele.

So nennt beispielsweise die Transgender House Producerin Terre Thaemlitz „Pessimismus“ als alleinig verbleibende Strategie der Musikschaffenden: Sich dem „Eskapismus“ der Musik, insbesondere der Clubwelten abzukehren. Anstelle der euphorischen Weltflucht Musik als einen Ort der Reflexion über die Gewalt der Gesellschaft zu begreifen, Melancholie zu verwerfen. Es gibt keine Vergangenheit, der nachgetrauert, an die sich zurückgesehnt werden kann. Sie ist ebenso eine Zeit der Gewalt wie unser hier und jetzt. Terre Thaemlitz verfolgt diesen Gedanken im Gerne des House, der für sie Inbegriff der euphorischen Weltflucht und der Warenförmigkeit der Musik schlechthin geworden ist. Die auf dem von ihr koproduzierten Album von Will Long „long trax“ versammelten Stücke sind dagegen ein Versuch der pessimistischen, jedoch keinesfalls resignativen Meditation. Der dunkle, gedrückte Mininalismus von Long findet seine Prägnanz ganz besonders im ersten Track des Albums: „time has come“.

Wortgewaltiger, abgefuckter verfolgt Kate Tempest in „Europe is lost“ ähnliche Gedankenstränge. Mit „Business is good, and there’s bands every night in the pub/ And there’s two for one drinks in the clubs“ macht sie sichbar, wie leicht, wie verlockend es für weite Teile unserer Gesellschaften noch immer ist, der Krisen der Gegenwart zu entfliehen. Tempests Song ist ein Rundumschlag: Klimawandel, Rassismus, Kapitalismus sind die Themen. Und die Verzweiflung, immer in diese Herrschaftsmechanismen verstrickt zu sein: „Despite all we did to vanquish the traces/ My very language is tainted/ With all that we stole to replace it with this“. Tempests Rap ist voll quälender Dringlichkeit und zugleich der deprimierenden Erfahrung, dass Wandel kaum in Sicht erscheint: „Riots are tiny though, systems are huge“. Nur, dass keine*r sich einen Scheiß darum kümmert, diesem Fazit Tempest möchte ich nicht zustimmen.

Denn zu den Verstrickungen in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zählen auch die engstirnigen, käfiggleichen Normen der bürgerlich-zivilgesellschaftlichen Moral. So wird kritischen Bewegungen nichts zuletzt auch von linksradikaler Seite unnötige Radikalität vorgeworfen. Es ist doch besser, wenn mensch sich mit den Herrschenden, ungleiche Machtverhältnisse hin oder her, gemeinsam an denselben Tisch setzt und alle vernünftig miteinander reden. Das die wohl radikalste künstlerische Kritik an dieser Vorstellung von einer alltrans-Punkband kommt, überrascht angesichts deren alltäglichen Gewalterfahrungen wenig. Ich weiß noch immer nicht, ob ich der Forderung von G.L.O.S.S. „Give violence a chance“ anschließen möchte. Doch ihre Kritik am linken Gewaltfreiheitsdogma drängt sich angesichts der Polizeigewalt an Schwarzen in den USA durchaus auf: „JUSTICE IS A JOKE, A TRAP, A FUCKING FARCE/ YOUR CALLS FOR PEACE ARE IGNORANT AND BASIC … KILLER COPS AREN’T CROOKED/ … , THEY DO AS THEY’RE TOLD/ THE COURTS AREN’T CORRUPT/ … , THEY MAINTAIN CONTROL“

G.L.O.S.S. löste sich im Sommer nach zwei 7 Minuten Tapes selbst auf. Der Personenkult und die Stilisierung als Kunstprodukt durch die Medien hatten ihrer Wahrnehmung nach ihre politische Botschaft in den Hintergrund getränkt, ihre radikale Gesellschaftskritik kommodifiziert. Vielleicht war es gerade dieser Akt der Selbstauflösung, der ihrer Botschaft Gewicht verlieht: Eine Nachricht platziert, den Diskurs aufgewühlt, Fragen sichtbar gemacht. Fragen, die wir im Pessimismus Longs/Th aemlitz und Tempest verfolgen können.

Bild: Kim-Leng: Kate Tempest, CC-BY-ND 2.0,
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